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Wilmersdorfer Straße

Wilmersdorfer Straße

Als ich drei Jahre alt war, drehte eine Filmhochschulabsolventin einen Dokumentarfilm über die geteilte, deutsch-tibetische Lebensgeschichte meiner Eltern und über unser Familienleben in Berlin und Tibet.1 Diesen analogen Filmaufnahmen, den hyperreellen Erinnerungen an eine Zeit, in der sich mein Bewusstsein gerade erst herausbildete, wohnt heute eine künstliche Intensität inne: Sie gleichen einem Werbefilm im Retro-Stil, der darauf ausgelegt ist, nostalgische Gefühle zu triggern, um unsere Kaufkraft anzuregen. Nur ist das kein Werbefilm, sondern ein Blick auf mein Leben.

Mit meiner Arbeit versuche ich die Sehnsucht einzufangen, welche die Bilder aus einer vergangenen Zeit auslösen. „Nostalgie“ ist für mich in diesem Zusammenhang ein Schlüsselbegriff. Milan Kundera zufolge handelt es sich dabei um das von dem unerfüllten Wunsch, zu etwas Vergangenem zurückkehren zu können, verursachte Leiden. Rückkehr heißt im Griechischen nostos. Algos bedeutet Leiden. Oft romantisieren Nostalgiker*innen die vergangenen Zeiten und den früheren Zustand von Orten, während ihnen die Gegenwart fremd erscheint. Als Schauplatz habe ich die Wilmersdorfer Straße, eine Fußgänger*innenzone in Berlin Charlottenburg gewählt; denn schließlich ist Tibet, der zweite Schauplatz des Filmes und die Heimat meines Vaters, für mich unerreichbar. Die Wilmersdorfer Straße war für meinen Vater, Ngawang Gelek, der erste Berührungspunkt mit Deutschland und der deutschen Gesellschaft. Hier betete er öffentlich und brachte damit seine Erinnerungen an ein vergangenes Leben in Indien und Tibet performativ zur Darstellung. Er sah die Wilmersdorfer Straße durch das Prisma der diasporischen Fluchterfahrung, für ihn war diese Straße ein Ort der Neuerschaffung seiner zurückgelassenen Identität.

Für die buddhistischen Mönche und Nonnen der tibetischen Klöster in Indien und Tibet ist die Praxis des Betens und Bettelns Teil ihrer alltäglichen monastischen Lebensweise. In Berlin, in einer Einkaufsstraße, im kommerzialisierten öffentlichen Raum, stellte sie jedoch einen nicht unbedingt gern gesehenen Bruch dar mit der gewohnten Umgebung. Oft fragten mich Mitschüler*innen, warum mein Vater betteln müsste. Einmal wurde die Polizei gerufen, die Gelek gewaltvoll verhaftete, bedrohte, rassistisch beschimpfte und in eine Zelle steckte.2 Mit diesem Ereignis veränderte sich dieser Ort für mich. Er wurde auch zu einer stetigen Erinnerung an den Klassismus und den Rassismus, der die Gesellschaft und Sicherheitsbehörden in Deutschland durchwuchert.
Die Wilmersdorfer Straße zu betreten, bedeutet für mich, zurückzukehren, die Etappen der Integration meines Vaters zu durchlaufen – bis zum heutigen Tag, an dem er nicht mehr dort sitzen muss. Und trotz der traumatischen Erfahrungen, die wir dort machten, ergreift mich dabei ein Gefühl, für dessen Beschreibung sich das Wort „Nostalgie“ am besten eignet.

Ich verwende das analoge Filmmaterial aus dem zuvor genannten Dokumentarfilm und mische es mit aktuellen Aufnahmen der Einkaufsstraße, um meine Erinnerungen in der Gegenwart zu visualisieren. Es gibt auch eine Erzählstimme, die die Bilder mit meinen Gedanken zu meiner Kindheit assoziativ verknüpft.

1 Jenseits von Tibet von Solveig Klaßen (Deutschland, 2000). https://www.youtube.com/watch?v=2h2weX1yL2E.
2 Siehe auch: Gerd Schirmeyer: Zu laut für den Frieden. In: taz. Die Tageszeitung, 20.2.2002, S. 24. Zugriff unter: https://taz.de/Zu-laut-fuer-den-Frieden/!1124634/, zuletzt am 14.10.2021

Deutsche Video-Transkription

Die Wilmersdorfer zu betreten, bedeutet für mich Rückkehr. Zurück in eine Zeit, in der die Mitte meiner Welt hier liegt, wo mein Papa sitzt und betet.
Eine verstrichene Kindheit, eine Zeit, in der es noch Drospa gibt und noch keinen dm. Alles ist so einfach: Mama geht mit dem Kinderwagen einkaufen, Papa betet und lacht. Wir gehen shoppen bei Pimkie und Papa sitzt und betet.

Auf ihn ist verlass, er hat sicher noch einen 10er für mich übrig.
Trotzdem schäme ich mich auch ein wenig.
2021 – mein Vater ist nicht mehr da.
Er ist froh, einen „normalen“ Job zu haben und ich bin nostalgisch, als wäre ich jetzt die alte Frau.