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Wannsee Erinnerungen

Wannsee Erinnerungen

Ich bin fasziniert von der Alltagskunst des Erinnerns. Davon, wie und warum wir erinnern und vergessen, wie Erinnerungen neue Erinnerungen schaffen, die unsere jeweilige Wahrnehmung von uns selbst, unserer Umgebung und unseren Beziehungen zu anderen formen. Als yellow child war meine frühe Wahrnehmung von Deutschland geprägt von den alltäglichen Freuden, Schmerzen, Wünschen und Sehnsüchten meiner Mutter und ihrer zwei Schwestern, die 1970, 1980 und 1989 nacheinander als koreanische Immigrantinnen der ersten Generation nach Deutschland kamen. Ihre Art und Weise, das fremde Land zu betrachten und sich in ihm ihren Weg zu bahnen, wurde bald zu einer Brille, die an mich weitergereicht wurde. Ich setzte sie auf, um mein eigenes Leben zu bewältigen, obwohl mir zugleich häufig bewusst war, dass sie mich in zwei unterschiedliche Richtungen zog: Sie beschützte mich vor Entfremdung und verletzenden Blicken, hielt mich aber zugleich davon ab, meine eigene Welt in einer unverzerrten, nicht festgelegten Weise zu sehen. Schon bald hatte ich gelernt, dass meine Beziehung zur Welt niemals frei von einer Vergangenheit sein würde, die gar nicht zu mir gehörte, und dass es eine lebenslange Aufgabe sein würde, zu lernen, meine Brille weise zu tragen.

Das Aufzeichnen der ersten Jahre meiner Mutter als Ausländerin ist Teil meines Versuchs, ihre fortwährende Sehnsucht nach dem, was sie „Zuhause“ nennt, zu verstehen. Dieser Essay zeichnet einen Bruchteil ihrer frühesten Zeit in Deutschland nach, die sie in Wannsee verbrachte, einem Ortsteil im Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Es ist der Versuch, über ihre Erinnerungen einen Ort kennenzulernen und letztendlich meine eigene Zeit und meinen Platz in Berlin zu verorten, während ich feststelle, dass sich meine Beziehung zu der Stadt (und zu Deutschland) mit jeder neuen Geschichte, die sie mir erzählt, verändert. Um mit dem Ende anzufangen: Ein nachhaltiges Leben in Deutschland war für meine Mutter nicht möglich. Nach 50 Jahren in Deutschland nahm sie im Alter von 70 Jahren den strapaziösen Prozess der Rückkehr nach Korea auf sich. Ich indes habe das Bedürfnis, eine nachhaltigere Beziehung zu diesem Ort aufzubauen, den ich als mein neues Zuhause ausgewählt habe.

Meine Mutter war eine von 10.000 südkoreanischen Frauen, die sich für ein Drei-Jahres-Programm einschrieben, um in der Nachkriegszeit als Krankenpflegerinnen im westdeutschen Gesundheitssystem zu arbeiten. Für viele Frauen war dies eine spannende Karrieregelegenheit oder eine Möglichkeit, das Land vorübergehend zu verlassen, um etwas Neues zu erleben. Meine Mutter war erst 18 Jahre alt, als sie in Wannsee ankam, ihrem ersten Wohnsitz in Deutschland. Damals ahnte sie noch nicht, dass sie viel länger als erwartet in Deutschland bleiben würde und über die Hälfte dieser ersten drei Jahre in Wannsee ans Bett gefesselt verbringen sollte, als Patientin in dem Krankenhaus, in dem sie hätte arbeiten sollen! Es war eine kritische Zeit, in der sie beinahe gestorben wäre.

Meine Mutter wurde in eine angesehene Lungenklinik in Wannsee eingewiesen, die sich auf die Behandlung von Tuberkulose spezialisiert hatte. Bei ihrer Ankunft litt sie unter schlimmen Heimweh, das durch die Sprachbarriere nur noch verstärkt wurde. Sie weinte drei Monate lang jeden Tag, bis die Lymphknoten in ihrem Hals anschwollen. Lungenärzt*innen in der Klinik bemerkten dies und vermuteten eine virale Infektion. Sie entschieden, dass eine Biopsie gemacht werden müsse, um mehrere Lungengewebsproben zu entnehmen. Unmittelbar nach einer ersten Untersuchung wurde sie aufgefordert, sofort ein Dokument zu unterschreiben, das in einer Sprache geschrieben war, die sie nicht lesen konnte. Sie war verängstigt und frustriert, da sie kein Wort Deutsch sprach, um ihre Situation zu erklären und es gab keine Möglichkeit, eine*n Übersetzer*in hinzuzuziehen. „Siehst du diese Narbe?“ Sie zeigt auf ihren Hals und grinst, als ob sie es selbst nicht glauben könnte. Sie versteht bis heute nicht, warum für eine Biopsie ein derart großer Einschnitt nötig gewesen sein sollte, zumal die Biopsie ohnehin unnötig war. „Wenn ich heute daran zurückdenke, ist es lächerlich… aber ich war damals einfach so in Sorge und verängstigt. Ich dachte wirklich, es sei das Beste, den Ärzt*innen zu vertrauen.“ Später fand sie heraus, dass ihre Probe bei der Zellvermehrung im Labor versehentlich mit Tuberkulose-Bakterien verunreinigt wurde. Sie hätte eine Entschädigung verlangt, wenn sie damals hätte Deutsch sprechen können, wie sie es heute tut. Ihr wurde nie eine angeboten.

Nach der Fehldiagnose Tuberkulose wurde meiner Mutter ein ganzes Jahr lang eine tägliche Dosis TB-Medikamente verabreicht, die ihre Leber nach und nach schädigte. Die Medikamente verursachten außerdem massive Schwellungen in ihrem ganzen Körper. Nach Monaten der Einnahme wurden die Schwellungen so heftig und schmerzhaft, dass sie es nicht mehr aushielt. Sie begann, die Medikamente heimlich wegzuwerfen; nach nur einer Woche der Abstinenz fühlte sich ihr Körper besser. Zwei weitere Monate lang warf sie die Medikamente weg und ihr Körper erholte sich schließlich. Alles in allem hat sie diese Erfahrung gelehrt, ihrem Körper zu vertrauen und der westlichen Medizin zu misstrauen. „Ich fühlte mich wie eine hilflose Ratte in einem Laborkäfig. Ich dachte die ganze Zeit über nur ans Überleben.“ Die Ärzt*innen der Klinik wurden allgemein als wegweisende Expert*innen gepriesen, auch von den koreanischen Krankenpflegerinnen, die dort arbeiteten; viele davon heirateten Ärzte von dort. Auch meiner Mutter machten einige Ärzte den Hof, aber für sie war es unvorstellbar, einen davon zu heiraten. Ein ganzes Jahr war vergangen, als ihr endlich gesagt wurde, dass ihr Zustand stabil sei, dass alles eine bedauernswerte Fehldiagnose gewesen sei und dass sie wieder ihren Dienst aufnehmen könne. Es gab weder eine Entschuldigung noch eine weitere Erklärung dazu, was passiert war.

Nach dieser unvorstellbaren Tragödie war meine Mutter dankbar, dass sich ihr Körper wieder gesund fühlte. Sie machte tägliche Spaziergänge zum Kleinen und Großen Wannsee und erkundete den Grunewald und Düppeler Wald. Alles dort war einladend. Die Luft war sauber und sie liebte es, Zeit unter den Bäumen und mit den Vögeln zu verbringen. Diese Wälder sahen ganz anders aus als die koreanischen Bergwälder, aber zu ihrer Überraschung gab es viele essbare Heilkräuter, mit denen man in der koreanischen Volksmedizin vertraut ist, wie sanpa (Bärlauch), chamnamul (Pimpinelle), hwasalnamu (Flügel-Spindelstrauch) und andere. Von diesen köstlichen namul (ein koreanisches Wort für die Vielzahl an essbaren Pflanzen und die Beilagen, die daraus zubereitet werden), schien niemand Notiz zu nehmen; aber für meine Mutter, die in den koreanischen Bergen aufgewachsen war, war es ein Geschenk, das ihr ihre Vorfahr*innen geschickt hatten! Spaziergänge durch die Wannseer Wälder und das Sammeln von namul sind liebgewonnene Erinnerungen für sie. Sie genoss die Zeit, die sie in der Küche des Wohnheims damit zubrachte, sie zuzubereiten und mit Reis und Suppen zu essen. Die sannamul (essbare Wildgräser und Blätter), die in den koreanischen Bergen wuchsen, schienen intensiver zu schmecken, aber es war nah genug dran… Die heilende Erfahrung des Sammelns, Kochens und Essen der namul halfen ihr, ihr Heimweh ein wenig zu vergessen. Eines Tages bemerkte sie, wie die namul tapfer immer wieder von Neuem wurzelten; wie sie es schafften, den fremden Boden zu ihrem Zuhause zu machen.

Nicht lange nach ihrer Fehldiagnose wurde meine Mutter erneut in die Notaufnahme eingeliefert, nachdem sie einen Hepatitis-Patienten behandelt hatte. Die Leberschäden, die die TB-Medikamente verursacht hatten, machten sie anfällig, wenn sie mit infektiösen Patient*innen zu tun hatte. Wieder war sie ein halbes Jahr lang bettlägerig. Diese zweite Erfahrung eines langen Krankenhausaufenthalts schürten jedoch nur ihre Motivation, ein neues Kapitel ihres Lebens aufzuschlagen und sich weiterhin mit Wissen auszurüsten, das ihr helfen würde, sich selbst zu diagnostizieren und durch naturheilkundliche Volksmedizin und Ernährung zu kurieren. Immer wenn ihr in den Jahren danach eine täglich einzunehmende, chemisch synthetische Arznei verschrieben wurde, warf sie diese weg.