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„Die Friedensstatue in Moabit, meine Liebe”

„Die Friedensstatue in Moabit, meine Liebe”

Ich bin Koreanerin und lebe seit mehreren Jahren in Berlin. Diese Stadt begegnet mir auf tausend verschiedenen Arten. Sie hat mich schon bewegt, überrascht, aber auch traurig gemacht, zumeist gibt sie mir jedoch ein unglaublich schönes Gefühl. Es ist sehr spannend, Menschen aller Nationalitäten (194 Länder sind hier vertreten), Hautfarben, Sprachen und Kulturen  zu treffen. Diese dynamische Stadt mit 3,65 Millionen Einwohnern gibt mir jeden Tag das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.

Ich lebe in einer Metropole und fühle mich wie eine Weltbürgerin, manchmal aber auch wie eine gewöhnliche Frau aus einem kleinen asiatischen Land. Selten fühle ich mich fremd und einsam, meistens bin ich glücklich, mit so vielen unterschiedlichen Menschen zusammenleben zu dürfen.

Ich freue mich über diese Gelegenheit, über meinen besonderen Ort zu sprechen.

Im September 2020 wurde eines Tages in einem Ortsteil namens Moabit, nicht weit von meiner Wohnung in Charlottenburg, eine Statue in Mädchengestalt aufgestellt. Wenn ich mich richtig erinnere, lief das so ab, dass das Bezirksamt Mitte; (dem Moabit zugeordnet ist), die Erlaubnis zum Aufstellen dieser Statue erteilt hatte, dann; aber versuchte, diese Erlaubnis auf Druck der japanischen Regierung zu widerrufen, was heftige Bürger*innen-Proteste zur Folge hatte.

Die Friedensstatue wurde von einem Künstler*innenpaar geschaffen, um die japanische Regierung zu kritisieren. Diese Kritik bezog sich darauf, dass während des Zweiten Weltkriegs, Mädchen und Frauen aus 14 Ländern –, darunter Korea, und andere asiatische Staaten sowie die Niederlande vom japanischen Militär gewaltsam entführt worden waren, um sie als „Trostfrauen” zu missbrauchen, um also ihre sexuellen Vorlieben an ihnen auszuleben.

1991 brach Kim Hak-sun, eine der Überlebenden des „Trostfrauensystems” das in ihrer Gesellschaft vorherrschende Schweigen hinsichtlich dieser Vorkommnisse und enthüllte ihre schmerzhafte Vergangenheit als sogenannte „Trostfrau“. Nachdem sie ihre Geschichte erzählt und eine offizielle Entschuldigung von der japanischen Regierung gefordert hatte, meldeten sich 242 überlebende „Trostfrauen“ aus Südkorea und über Tausende aus dem gesamten Asien-Pazifik-Raum. Frauen auf der ganzen Welt schlossen sich gemeinsam mit den Überlebenden zu einer Bewegung zusammen.

Japan hatte einen Aggressionskrieg geführt. Die japanische Regierung hat sich zwar bei den Überlebenden entschuldigt, aber unter der Bedingung, dass sie nie wieder über ihre Erlebnisse als „Trostfrauen” erzählen dürfen. Das ist ganz anders als in Deutschland, wo man sich ständig dafür entschuldigt, einen Krieg begonnen zu haben und dafür verantwortlich zu sein, dass viele Menschen verletzt und getötet wurden.

In Südkorea wird  seit 1992 jeden Mittwoch vor der japanischen Botschaft protestiert, , um aufrichtige Entschuldigung und offizielle Entschädigung einzufordern. Ein Künstler*innenpaar stellte die Friedensstatue zur 1000. Demonstration aufgestellt, um den Schmerz der „Trostfrauen” zu teilen. Die beiden Künstler*innen wollten, dass die Statue eines Mädchens, das den Schmerz der „Trostfrauen” verkörpert, auf der ganzen Welt bekannt wird. In Deutschland wurden in zwei Städten bereits die Friedensstatuen aufgestellt und trotz massiver Proteste der japanischen Regierung stehen sie noch. . Obwohl die japanische Regierung verlangte, dass die in Berlin aufgestellte Friedensstatue entfernt wird, wurde diese schließlich von deutschen Bürger*innen gerettet. Dazu beigetragen hat auch eine Gruppe japanischer Frauen, die in Berlin arbeiten. Japanische Frauen setzen sich zusammen mit koreanischen und auch deutschen Frauen seit Langem dafür ein, die Ehre der „Trostfrauen” wiederherzustellen.

Im Juli 2021 fand die 1500 . Mittwochdemonstration statt. Solche Demonstrationen fanden nicht nur in Korea, sondern auch vor der Friedensstatue in Berlin statt. Viele deutsche Frauen- organisationen und Student*innen haben sich dafür zusammengeschlossen. Vor nicht allzu langer Zeit gab es einen Workshop mit Jugendlichen zu „Trostfrauen” im Museum des Korea Verbandes in Moabit, etwa 200 m von der Friedensstatue entfernt.  Die Schüler*innen waren überrascht und empört, als sie hörten, wie der Krieg Frauen unglücklich gemachte hatte. Ich habe mir geschworen, solche Dinge nie wieder geschehen zu lassen. Und es wurde entschieden, dass die Opfer eine Entschuldigung und Entschädigung brauchen – und zwar von Teenagern. Sie wissen, was Gerechtigkeit ist und dass die Lügen bekämpft werden müssen. Ich bin froh, dass ich mit Leuten zusammenlebe, mit denen ich meine Gedanken teilen kann.
Derzeit leben in Südkorea nur noch 13 „Trostfrauen”.

Auch sie werden bald in den Himmel kommen. Sie werden jedoch den Jugendlichen in Erinnerung bleiben, die durch die Friedensstatue etwas über den Krieg und über den Frieden gelernt haben. Die Jugend wird unser Lehrmeister sein.

Jedes Mal, wenn ich in Moabit an der Friedensstatue vorbeikomme, erinnere ich mich daran, wie wichtig es für die Menschheit ist, gemeinsam für den Frieden einzutreten. Frieden ist nichts, was still ist, Frieden gibt es nur, wenn wir uns aktiv für ihn aussprechen. Das erzählt mir die Statue in Mädchengestalt.